I. Laufende Projekte

Habilitationsprojekt 

Begleitet durch Prof. Dr. Martin Knoll (Universität Salzburg)

Städtische Einrichtungen als organisierte Sozialsysteme? Versuch einer epochenübergreifenden, transregionalen Untersuchung vormoderner städtischer Einrichtungen als Bestandteile städtischen Raums mit den Mitteln der Luhmann'schen Systemtheorie (Stand Sept. 2020)

Epochenübergreifend Infrastruktur zu untersuchen ist aus geschichtswissenschaftlicher Warte aufgrund einer fehlenden Definition noch immer ein Problem. Verantwortlich hierfür ist vor allem das nach wie vor fehlende Wissen um die Einrichtungen, insbesondere dann, wenn es um die Vormoderne geht – zurückzuführen auf die dünne Quellenlage und Selbstverständlichkeit ihres Vorhandenseins.

  Sich dieser Problematik stellend wird ein Ansatz verfolgt, der, einen Schritt zurückgehend, städtische Einrichtungen mit festem Standort in ihren Auswirkungen auf den Stadtraum untersucht. Das Ziel besteht darin, anhand des Vergleichs dreier, in ihren Ursprüngen auf eine Burg zurückgehender Städte etwa gleichen Alters unterschiedlicher europäischer Regionen erste Aussagen zum Zusammenhang Einrichtung-Stadtraum-Region zu generieren, also aufzuzeigen, auf welche Art und Weise städtische Einrichtungen Stadtraum mitgestalten und welche Rolle dabei regionalen Faktoren zukommt. Es handelt sich dabei um Seßlach (Franken), Kleve (Rhein-Maas) und Oppeln (Schlesien). Das Projekt ist epochenübergreifend vom Spätmittelalter bis zum Ersten Weltkrieg angelegt – Kontinuitäten und Brüche lassen sich so berücksichtigen.

  Die städtischen Einrichtungen, etwa Mühlen, Stadtbefestigungen oder Brücken, werden auf der Basis verschiedener Aussagen Rehbergs (2006) und Lynchs (1989) als Konzentrationsorte der Verdichtung von Benutzungszwecken durch Handlungswiederholungen begriffen. Diese Mechanismen weisen typenübergreifend, so ein Postulat, die gleichen grundlegenden Merkmale auf, wenngleich sie sich in ihren jeweiligen Ausprägungen im Lokalen unterscheiden. Aus der Vogelperspektive ähneln sich so scheinbar alle drei Stadträume bezüglich der vorhandenen Einrichtungstypen, tatsächlich weisen sie bei genauem Hinsehen jedoch Unterschiede auf.

  Das Ziel der Untersuchung besteht entsprechend darin, einen neuen Schritt zur Lösung der Aporie 'Konkurrenz physischer Raum–mentale Repräsentation' zu wagen, indem die postulierten gleichen Merkmale mithilfe von Luhmanns Systemtheorie beschrieben werden. Die Einrichtungen werden dazu als organisierte Sozialsysteme begriffen, die dem systemischen Reproduktionsmodus der Entscheidung folgen. Hier besteht zugleich die Schnittstelle zu den Quellenbefunden: Die diversen Aussagen zu Standort, Aussehen, Materialität, Technik, Funktion, tatsächlicher Nutzung, Betriebs- und Nutzungsregeln oder zu den verschiedenen, mit ihnen in Verbindung stehenden Akteursgruppen lassen sich allesamt als Ergebnis systemischer Entscheidungen verstehen.

  Das Projekt lotet mit seinem disziplinübergreifenden Ansatz nicht nur methodisch neue Wege bezüglich der epochenübergreifenden Untersuchung städtischer Einrichtungen aus, sondern setzt diesbezüglich auch mit der Auswahl des Quellenmaterials Akzente – es bezieht gleichermaßen Schriftquellen, Kartenmaterial, kunsthistorische und archäologische Befunde mit ein.

 

Englische Version:

 

Municipal Facilities as Systems? An Attempt to Apply Luhmann’s Systems Theory to the Development of Premodern Facilities as component of urban space

This project aims to contribute to local history by case studies of premodern municipal facilities in three towns covering the period from the Late Middle Ages to the First World War.

  Employing Luhmann’s Systems Theory we propose to investigate how and how much physical municipal facilities did influence the urban space of towns and how in turn their development was determined by town and region.

  The towns selected are Seßlach (Franconia), Cleves (Rhine-Meuse) and Opole (Silesia). They are all of about the same age and had their origin with a castle. To investigate the dependence on regional conditions they were chosen from different regions.

  Extant written sources as municipal books and topographic handbooks usually provide only sketchy information on the development of physical municipal facilities. Therefore, in addition, maps and results provided by archaeology and history of art will be used.

  The combination of Luhmann’s Systems Theory with a cross-disciplinary collection of data may well turn out to be a powerful tool for the study of complex objects like premodern municipal facilities in the future.

 

Weitere Projekte

Schnittstelle Kahlgrund. Ruprechts Zug gegen die sogenannten Raubschlösser im Jahr 1405 – ein Beispiel der Verflechtung verschiedener Herrschaftsräume (Arbeitstitel, Stand Sept. 2020)

Die Untersuchung soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der spätmittelalterlichen Geschichte des Kahlgrunds leisten, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts, so die Hypothese, politisch eine Schnittstelle zwischen dem vom Mainzer Erzbischof dominierten Spessart und der ursprünglich vom König beherrschten Wetterau darstellte. Im genannten Zeitraum wies der Kahlgrund ein königliches Freigericht, mehrere kleine Ortschaften (u.a. Kahl, Mömbris, Krombach, Blankenbach, Sommerkahl), mit Alzenau nur eine Siedlung mit Stadtrecht (1401) sowie eine sehr hohe Burgendichte auf – insbesondere letztere verweist vor allem auf verschiedene Tätigkeiten niederadeliger Akteure.

  Im Jahr 1405 ließ König Ruprecht von der Pfalz (1400–10) mehrere dieser Burgen mit der Begründung, dass es sich um Raubschlösser handelte, einlegen. Dem hierfür zusammengestellten Zug schloss er sich streckenweise persönlich an. U.a. diese Episode gibt Anlass, im Kahlgrund eine wichtige politische Schnittstelle zwischen Wetterau und Spessart zu vermuten.

  Die Wetterau ist dabei ein schönes Beispiele für die Bedeutung von Königsnähe respektive -ferne für eine Region: Das Gründen von Städten und Burgen, ihre Verpfändung, Vergabe als Lehen bzw. im Bedarfsfall ihre Zerstörung war auch im Spätmittelalter noch fester Bestandteil angewandter Herrschaftspraktiken, hinter denen unterschiedliche Akteursgruppen standen. Inwieweit welche der genannten Praktiken zum Einsatz kam hing dabei vor allem, dass zeigen die ausgewählten Betrachtungsbeispiele, von den Herrschaftsstrukturen der jeweiligen Regionen ab. Um die diversen Verflechtungen besser verstehen und „entwirren“ zu können, wird hier ein Untersuchungszeitraum von 1376 bis grob 1410 zugrunde gelegt.

  Quellentechnisch bieten u.a. die zahlreichen Regestensammlungen zu den beiden Königen Wenzel (1376–1400) und Ruprecht, dem Erzbistum Mainz, dem reichspolitischen Geschehen (RTA), den hier interessierenden Städten Frankfurt, Gelnhausen, Wetzlar und Friedberg sowie zu den einzelnen niederadeligen Geschlechtern eine gute Überlieferungsgrundlage. Diese sollen neben der Hinzuziehung verschiedener Archivalien (z.B. Lehensbriefe) u.a. direkt mit den aktuellen, über das Archäologische Spessartprojekt e.V. (https://www.spessartprojekt.de/) gewonnenen Grabungsbefunden (Federführung Harald Rosmanitz M.A.) zu den einzelnen Kahlgrunder Burgen in Beziehung gesetzt werden.

  Das Projekt wurde von der Gemeinde Mömbris und dem Verein Kulturlandschaft Kahlgrund e.V. (1. Vorsitzender: Hermann-Josef Bender) initiiert und wird durch beide unterstützt: https://www.kulturlandschaft-kahlgrund.de

 

Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob (Arbeitstitel, Stand Jun. 2020)

Bertolt Brecht hielt bezüglich der Einführung des Rundfunks zutreffend fest, dass nicht die Öffentlichkeit auf den Rundfunk gewartet hatte, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit. Sein Statement trifft nicht nur auf die Bereitstellung des Rundfunks zu, sondern beschreibt kurz und prägnant den gesamten Einführungsprozess der Elektrizität: Über die reine Darstellung ihrer technisch-abstrakten Nützlichkeit hinaus musste ihr an und für sich vor dem Hintergrund der vorherrschenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen erst einmal ein gesellschaftlicher Ort zugewiesen werden. Denn Strukturwandel benötigt Zeit und muss vor allem zunächst einmal in den Köpfen der Menschen stattfinden.

  Dass geplante Projekt widmet sich diesem bis dato noch längst nicht vollumfänglich erforschten Adaptionsprozess der Zweiten Industriellen Revolution. Die Forschungsidee zielt darauf ab, die Auswirkungen der Elektrizität auf den menschlichen Alltag und das damalige Weltverständnis zu untersuchen. Es steht also weniger die Entwicklung und Verbreitung der neuen Energieform selbst im Vordergrund als vielmehr das gesellschaftliche Spannungsverhältnis zwischen der Innovation und Begeisterung für das Neue einerseits und den Bestrebungen zur Bewahrung der alten Gesellschaftsordnung andererseits. Der Untersuchungszeitraum ist dabei auf die Zeit zwischen 1880 und den Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 beschränkt.

  Der Ansatz sieht – sich an der Untersuchung Beate Binders orientierend – zum jetzigen Zeitpunkt mit Oldenburg (Oldb) und Cloppenburg (Großherzogtum Oldenburg) sowie Dieburg und Darmstadt (Großherzogtum Hessen) die Untersuchung zweier unterschiedlich großer Städte aus jeweils Nord- und Mitteldeutschland vor, die zum Zeitpunkt der Einführung der Elektrizität nicht zu den beiden großen katholisch respektive protestantisch dominierten Königreichen Bayern und Preußen gehörten. Die kleineren Territorien – so die Überlegung – ermöglichen insgesamt eine bessere Übersicht bezüglich regionaler Strukturen und Ausprägungen. So richten sich diesbezügliche Fragen beispielsweise auf gleiche respektive ähnlich geführte lokale Diskurse, darauf, inwieweit diese von der Stadtgestaltung abhängig waren, inwieweit sie den allgemeinen Trend folgend die vorherrschenden kulturellen Deutungsmuster und Orientierungen widerspiegeln bzw. wovon die jeweiligen lokalen Diskurse insgesamt beeinflusst waren (unter anderem Bevölkerungs-, Stadt- oder Regionalstrukturen).

  Um etwaige Probleme und lokale Spannungen herauszufinden, soll der erste Zugriff über die zeitgenössische Presseschreibung erfolgen. Zeitungsartikel erwiesen sich, so die Erfahrung im Dissertationsprojekt, wo es um die länderübergreifenden Diskussionen um die Realisierung eines Rhein-Maas-Schelde-Kanals ging, als überaus effektiv und aussagekräftig.

  Eine erste einführende Publikation erscheint voraussichtlich im Dez. 2020: Schröder, Lina: Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob – ein Werkstattbericht. In: Flügel, Wolfgang/Lühr, Merve/Müller, Winfried (Hg.): Urbane Kinokultur. Das Lichtspieltheater in der Großstadt zwischen 1895 und 1949 (ISGV digital). o.O. 2020.

 

Eine Bibliographie für Infrastruktur-Geschichte

Forschungsarbeiten stehen und fallen vor allem mit dem Forschungsstand, es ist unerlässlich, sich einen Überblick über bereits existierende Publikationen zu verschaffen. Im Falle der Infrastruktur-Geschichte ist dies oftmals sehr mühsam. Der Geschichtszweig als solcher ist noch nicht etabliert, entsprechend vermisst der Forscher entsprechende Handbücher oder gar bibliographische Nachschlagewerke. Die eigenen "leidvollen" Erfahrungen vor Augen habend, bemüht sich die Verfasserin im Rahmen dieses Projektes, möglichst viel Literatur zusammenzutragen, welche als Ausgangsbasis für infrastruktur-geschichtliche Untersuchungen dienen mag. In der Hoffnung, dass eine solche Bibliographie infrastruktur-historische Projekte indirekt unterstützt, werden die Ergebnisse auf dieser Homepage öffentlich zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist sämtlichen weiteren Forschungen untergeordnet, weshalb es keinen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

II. Abgeschlossene Projekte

Kleine Projekte

Die Willigisbrücke in ihrer regionalen Verankerung. Eine epochenübergreifende und exemplarische Untersuchung (Publikation erfolgt im Aschaffenburger Jahrbuch. Bd. 34, 2020)

Die Geschichte des sich im Hafenlohrtal befindlichen Hofgutes Erlenfurt, auch Kohlhütte genannt (Publikation 2020 erschienen)

Der Hafen Marktsteft als Herrschaft sichernde Maßnahme im 18. und 19. Jahrhundert (Publikation 2019 erschienen)

Die Republikgründung der Niederlande – eine systemtheoretische Betrachtung (Publikation 2013 erschienen)

 

Dissertationsprojekt (Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte (Publikation 2017 erschienen)

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