I. Laufende Projekte

Habilitationsprojekt 

Begleitet durch Prof. Dr. Martin Knoll (Universität Salzburg)

Städtische Einrichtungen als Funktionssysteme? Eine epochenübergreifende, transregionale Untersuchung vormoderner städtischer Einrichtungen mit den Mitteln der Luhmann'schen Systemtheorie (Arbeitstitel, Stand Jun. 2020)

Das geplante Projekt soll anhand dreier städtischer Fallstudien (Seßlach/Franken, Kleve/Rhein-Maas, Oppeln/Schlesien) epochenübergreifend vom Spätmittelalter bis zum Ersten Weltkrieg städtische Einrichtungen mit den Mitteln der Luhmann'schen Systemtheorie untersuchen, indem es die Einrichtungen als Funktionssysteme versteht und sie nach den Regeln der Systemtheorie analysiert. Es verortet sich schwerpunktmäßig innerhalb der Regional- und Stadtgeschichte.

  Mithilfe der systemtheoretischen Analyse sollen die z.T. komplexen und insgesamt noch wenig systematisch erforschten Strukturen vormoderner städtischer Einrichtungen dekonstruiert und in Beziehung zum städtischen Raum und der jeweiligen Region gesetzt werden. Es soll untersucht werden, inwieweit und auf welche Art und Weise städtische Einrichtungen als zentrale Bestandteile einer Stadt im Verlaufe der Jahrhunderte mit ihren Strukturen auf die Mitgestaltung eines Stadtraums Einfluss nahmen. Dabei soll sich auf Einrichtungen mit einer Bausubstanz und einem festen Standort beschränkt werden.

  Zur besseren Unterscheidung regionalspezifischer Bedingungen und Strukturen, also z.B. topographische, klimatische, kulturelle oder herrschaftspolitische Aspekte, werden im Rahmen dreier Fallstudien mit Seßlach (Franken), Kleve (Rhein-Maas) und Oppeln (Schlesien) dabei Einrichtungen aus Städten aus drei unterschiedlichen Regionen betrachtet.

  Bezüglich der ersten Erarbeitung der städtischen vormodernen Einrichtungen im Rahmen einer Grundanalyse soll quellentechnisch auf einen von der Infrastruktur-Geschichte erprobten Ansatz zurückgegriffen werden, indem Quellen unterschiedlicher Fachdisziplinen bemüht werden. Die insbesondere im Falle städtischer Einrichtungen lückenhaft vorhandene schriftliche Überlieferung (hier Stadtbücher, Topographische Handbücher etc.) soll so durch kartographische Quellen und Forschungsergebnisse aus Archäologie und Kunstgeschichte ergänzt werden.

  Sollte sich dieser quellentechnische Ansatz im Zusammenwirken mit der Luhmann'schen Systemtheorie bewähren, könnte das Forschungsdesign auf jede Stadt und beliebige Region übertragen werden.

 

Weitere Projekte

Schnittstelle Kahlgrund. Die politisch-ökonomische Bedeutung des Kahlgrund zur Zeit Wenzels und Ruprechts (1376–1410) (Arbeitstitel, Stand Jun. 2020)

Die Untersuchung soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der spätmittelalterlichen Geschichte des Kahlgrunds leisten, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts, so die Hypothese, politisch eine Schnittstelle zwischen dem vom Mainzer Erzbischof dominierten Spessart und der ursprüglich vom König beherrschten Wettrau darstellte. Im genannten Zeitraum wies der Kahlgrund ein königliches Freigericht, mehrere kleine Gemeinden (u.a. Kahl, Mömbris, Krombach, Blankenbach, Sommerkahl), mit Alzenau (1401) nur eine Siedlung mit Stadtrecht sowie eine sehr hohe Burgendichte auf – insbesondere letztere verweist vor allem auf verschiedene Tätigkeiten niederadeliger Akteure.

  Im Jahr 1405 ließ König Ruprecht von der Pfalz (1400–10) mehrere dieser Burgen mit der Begründung, dass es sich um Raubschlösser handelte, einlegen. Dem hierfür zusammengestellten Zug schloss er sich streckenweise persönlich an. U.a. diese Episode gibt Anlass, im Kahlgrund insbesondere eine wichtige politische Schnittstelle zwischen Wetterau und Spessart zu vermuten.

  Kahlgrund, Spessart und Wetterau sind dabei schöne Beispiele für die Bedeutung der Königsnähe respektive -ferne für eine Region: Das Gründen von Städten und Burgen, ihre Verpfändung, Vergabe als Lehen bzw. im Bedarfsfall ihre Zerstörung war auch im Spätmittelalter noch fester Bestandteil angewandter Herrschaftspraktiken, hinter denen unterschiedliche Akteursgruppen standen. Inwieweit welche der genannten Praktiken zum Einsatz kamen hing dabei vor allem, dass zeigen die ausgewählten Betrachtungsbeispiele, von den Herrschaftsstrukturen der jeweiligen Regionen ab.

  Quellentechnisch bieten u.a. die zahlreichen verschiedenen Regestensammlungen zu den beiden Königen, dem Erzbistum Mainz, dem reichspolitischen Geschehen, den hier interessierenden Städten sowie zu den einzelnen Adelgeschlechten eine gute Überlieferungsgrundlage. Diese sollen u.a. mit den aktuellen, über das Archäologische Spessartprojekt e.V. (https://www.spessartprojekt.de/) erstellten archäologischen Grabungsbefunden (Federführung Harald Rosmanitz) zu den einzelnen Kahlgrunder Burgen in Beziehung gesetzt werden.

  Das Projekt wurde von der Gemeinde Mömbris und dem Verein Kulturlandschaft Kahlgrund e.V. (1. Vorsitzender: Hermann-Josef Bender) initiiert und wird durch beide unterstützt: https://www.kulturlandschaft-kahlgrund.de/

 

Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob (Arbeitstitel, Stand Jun. 2020)

Bertolt Brecht hielt bezüglich der Einführung des Rundfunks zutreffend fest, dass nicht die Öffentlichkeit auf den Rundfunk gewartet hatte, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit. Sein Statement trifft nicht nur auf die Bereitstellung des Rundfunks zu, sondern beschreibt kurz und prägnant den gesamten Einführungsprozess der Elektrizität: Über die reine Darstellung ihrer technisch-abstrakten Nützlichkeit hinaus musste ihr an und für sich vor dem Hintergrund der vorherrschenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen erst einmal ein gesellschaftlicher Ort zugewiesen werden. Denn Strukturwandel benötigt Zeit und muss vor allem zunächst einmal in den Köpfen der Menschen stattfinden.

  Dass geplante Projekt widmet sich diesem bis dato noch längst nicht vollumfänglich erforschten Adaptionsprozess der Zweiten Industriellen Revolution. Die Forschungsidee zielt darauf ab, die Auswirkungen der Elektrizität auf den menschlichen Alltag und das damalige Weltverständnis zu untersuchen. Es steht also weniger die Entwicklung und Verbreitung der neuen Energieform selbst im Vordergrund als vielmehr das gesellschaftliche Spannungsverhältnis zwischen der Innovation und Begeisterung für das Neue einerseits und den Bestrebungen zur Bewahrung der alten Gesellschaftsordnung andererseits. Der Untersuchungszeitraum ist dabei auf die Zeit zwischen 1880 und den Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 beschränkt.

  Der Ansatz sieht – sich an der Untersuchung Beate Binders orientierend – zum jetzigen Zeitpunkt mit Oldenburg (Oldb) und Cloppenburg (Großherzogtum Oldenburg) sowie Dieburg und Darmstadt (Großherzogtum Hessen) die Untersuchung zweier unterschiedlich großer Städte aus jeweils Nord- und Mitteldeutschland vor, die zum Zeitpunkt der Einführung der Elektrizität nicht zu den beiden großen katholisch respektive protestantisch dominierten Königreichen Bayern und Preußen gehörten. Die kleineren Territorien – so die Überlegung – ermöglichen insgesamt eine bessere Übersicht bezüglich regionaler Strukturen und Ausprägungen. So richten sich diesbezügliche Fragen beispielsweise auf gleiche respektive ähnlich geführte lokale Diskurse, darauf, inwieweit diese von der Stadtgestaltung abhängig waren, inwieweit sie den allgemeinen Trend folgend die vorherrschenden kulturellen Deutungsmuster und Orientierungen widerspiegeln bzw. wovon die jeweiligen lokalen Diskurse insgesamt beeinflusst waren (unter anderem Bevölkerungs-, Stadt- oder Regionalstrukturen).

  Um etwaige Probleme und lokale Spannungen herauszufinden, soll der erste Zugriff über die zeitgenössische Presseschreibung erfolgen. Zeitungsartikel erwiesen sich, so die Erfahrung im Dissertationsprojekt, wo es um die länderübergreifenden Diskussionen um die Realisierung eines Rhein-Maas-Schelde-Kanals ging, als überaus effektiv und aussagekräftig.

  Eine erste einführende Publikation erscheint voraussichtlich im Dez. 2020: Schröder, Lina: Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob – ein Werkstattbericht. In: Flügel, Wolfgang/Lühr, Merve/Müller, Winfried (Hg.): Urbane Kinokultur. Das Lichtspieltheater in der Großstadt zwischen 1895 und 1949 (ISGV digital). o.O. 2020.

 

Eine Bibliographie für Infrastruktur-Geschichte

Forschungsarbeiten stehen und fallen vor allem mit dem Forschungsstand, es ist unerlässlich, sich einen Überblick über bereits existierende Publikationen zu verschaffen. Im Falle der Infrastruktur-Geschichte ist dies oftmals sehr mühsam. Der Geschichtszweig als solcher ist noch nicht etabliert, entsprechend vermisst der Forscher entsprechende Handbücher oder gar bibliographische Nachschlagewerke. Die eigenen "leidvollen" Erfahrungen vor Augen habend, bemüht sich die Verfasserin im Rahmen dieses Projektes, möglichst viel Literatur zusammenzutragen, welche als Ausgangsbasis für infrastruktur-geschichtliche Untersuchungen dienen mag. In der Hoffnung, dass eine solche Bibliographie infrastruktur-historische Projekte indirekt unterstützt, werden die Ergebnisse auf dieser Homepage öffentlich zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist sämtlichen weiteren Forschungen untergeordnet, weshalb es keinen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

Infrastruktur und Niklas Luhmans Systemtheorie

Dieses überwiegend theoretisch orientierte Projekt soll einen Beitrag zur Geschichtstheorie leisten, in welcher einerseits Luhmanns Systemtheorie trotz der z. T. fehelnden Aussagen zu einem Geschichtsmodell immer wieder eine Rolle bei Untersuchungen spielt, andererseits die Infrastruktur-Geschichte als ein an Bedeutung gewinnendes Untersuchungsfeld sich zu etablieren hat. Die Verfasserin arbeitet hier an einem Vorschlag für eine eventuelle Integration des Zellenmodells in die Systemtheorie. Zunächst muss jedoch die mögliche Bedeutung der Infrastruktur in diesem Zusammenhang an für sich geklärt werden, insbesondere Luhmanns Aussagen zur Institution könnten hier eine Schlüsselrolle spielen. Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

II. Abgeschlossene Projekte

Kleine Projekte

Die Willigisbrücke in ihrer regionalen Verankerung. Eine epochenübergreifende und exemplarische Untersuchung (Publikation erfolgt im Aschaffenburger Jahrbuch. Bd. 34, 2020)

Die Geschichte des sich im Hafenlohrtal befindlichen Hofgutes Erlenfurt, auch Kohlhütte genannt (Publikation 2020 erschienen)

Der Hafen Marktsteft als Herrschaft sichernde Maßnahme im 18. und 19. Jahrhundert (Publikation 2019 erschienen)

Die Republikgründung der Niederlande – eine systemtheoretische Betrachtung (Publikation 2013 erschienen)

 

Dissertationsprojekt (Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte (Publikation 2017 erschienen)

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